Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit

Sonderausstellung

Juli 2022 – Oktober 2023
Historisches Museum Hannover &
gwf-ausstellungen

Ausstellungsgrafik, Infografiken & Medienstationen
Ausstellungskonzeption: gwf-ausstellungen

Blick in die Ausstellung: links die für diese Ausstellung verhüllte goldene Kutsche aus Hannover, ein Wahrzeichen des Historischen Museums. Dahinter und im Obergeschoss weitere Exponate und Texttafeln.
Eine Besucherin betrachtet Texte und Bilder zum Thema "Unterdrückung und Faszination"

In dieser Ausstellung im Historischen Museum Hannover werden Fragen nach den Spuren der Sklaverei und des Handels mit versklavten Menschen aufgeworfen, die mit der Zeit der hannoversch-britischen Personalunion in Verbindung stehen. Darüber hinaus liegt der Fokus auf den Auswirkungen und Nachwirkungen kolonialer Einflüsse auf das Leben in Hannover.

1714 begann in Großbritannien die Ära der Hanoverians, in der die Landesherren des Kurfürstentums Hannover auf dem Königsthron von Großbritannien saßen. In dieser Zeit stieg Großbritannien zu einer Weltmacht mit einem beispiellosen kolonialen Herrschaftsgebiet in Afrika, Asien, Nordamerika, der Karibik und Indien auf.

Sklaverei und der Handel mit kolonialen Gütern brachten währenddessen nicht nur viel Geld nach Großbritannien, sondern auch die kurfürstlich-hannoverschen Untertan:innen profitierten davon.

Die Goldene Kutsche aus Hannover – benutzt von König Georg IV. (1762–1830) von Großbritannien – ist ein Wahrzeichen des Historischen Museums. In dieser Ausstellung ist die Kutsche allerdings verhüllt. Stattdessen stößt ein Schiffsbug durch die Wand in die Kutschenhalle. Ebenso sind die Portraits der mächtigen König:innen eingepackt, von der Wand genommen, beiseite gestellt. Warnaufkleber »Vorsicht Aneignung« oder »Vorsicht Rassismus« kommentieren bedenkliche Bildquellen.

Zwei Gemälde von Frauen, versehen mit einem Aufkleber "Vorsicht Rassismus".
Blick in die Ausstellung, links eine Weltkarte zum Thema "Dreieckshandel" an der Wand. Holzfässer, eine Holzkiste mit Gewehren, zwei Kanonen und ein Leinensack schaffen die Atmosphäre eines Handelsschiffs aus dem 18. Jahrhundert.

Die Ausstellung nimmt die Städte Bristol und Hannover und deren Einwohner:innen in den Fokus, die aktiv an Kolonialismus und Sklaverei beteiligt waren. Die britische Hafenstadt Bristol war mit ihrer idealen Ost-West-Lage für einen großen Teil des Menschen- und Warenhandels aus den Kolonien verantwortlich und verhalf so vielen ihrer Einwohner:innen zu Wohlstand. 

Die meisten Hannoveraner:innen waren indirekt am transatlantischen Handel beteiligt, indem sie die importierten Luxusgüter, wie Tabak, Kaffee und Tee aus den Kolonien konsumierten.

Ein hängender Leinensack, im Hintergrund eine Weltkarte, eine interaktive Station mit einem Hocker davor sowie ausgestellte Gewehre in einer Kiste mit Glasdeckel
Eine Besucherin betrachtet eine historische Karte an einer Museumswand, daneben befindet sich eine große Illustration mit einem Text zum Thema "Zum Beispiel Bristol oder: der Preis für Zucker".

Diese Profiteure, Initiatoren, aber auch Betroffenen werden in der Sonderausstellung in den Blick genommen: Wer waren diese Personen, was waren ihre Motive? Und lassen sich ihre Spuren heute noch in Hannover entdecken?

Mit der Reflexion von Kolonialismus und Sklaverei des 18. und 19. Jahrhunderts stellt die Ausstellung bewusst Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten her. Statt den Triumph der Herrschenden zu zeigen, wird Raum geschaffen für eine kritische Auseinandersetzung mit Verantwortung und Implikationen bis heute.

Mehrere Besucher:innen betrachten Ausstellungswände mit Gemälden und Texten zu "Deutschland als Kolonialmacht"
Modell eines historischen Segelschiffs mit drei Masten in einer Vitrine neben einer Wand mit einer Landkarte und dem Text 'BRITAIN - MASTER OF THE WORLD'.

Diese Art der Darstellung und Auseinandersetzung bietet eindrückliche Denkanstöße, den Anfang einer unerlässlichen Debatte, wie es die TAZ in ihrem Artikel von Nadine Conti »Noch längst nicht fertig mit den Verbrechen« am 15.7.2022 ausdrückt.

Die Ausstellungsgestaltung wurde vom Team gwf-ausstellungen in Zusammenarbeit mit Nina Kersten entwickelt. Matthies Weber & Schnegg zeichnen für Ausstellungsgrafik und -medien, Werbemittel und eine begleitende Internetseite verantwortlich.

Für die zweisprachige Ausstellung wurden von uns ein Einführungsfilm sowie interaktive Medienstationen konzipiert und gestaltet.

Runder weißer Tisch mit mehreren Landkarten und Fragen rund um das Thema Handel. Ein "Atlas der Versklavung" sowie verschiedene Handelsobjekte (Kleidung, Genussmittel, Elektronik) sind als herausnehmbare Objekte aus Holz in den Tisch eingelassen.
Eine Person steht vor einer Wand mit der Frage 'Wie kann ich mich verhalten?' Besucher:innen haben rote Notizzettel darunter geklebt, mit Antworten wie beispielsweise "Respektvoll", "Konsumverhalten einschränken" oder "Sei doch einfach kein Arschloch"

Besuchende können in Auszügen aus einem digitalen Originalbuch des Bristoler Frachtschiffes »Africa« von 1774 blättern. Neben den digitalen Vermittlungsstationen gibt es einen umfänglichen, gedruckten Zeitstrahl zum Falten und Mitnehmen, der die Geschichte der Kolonialisierung sowie den Widerstand dagegen zeigt.

Die Ausstellung hat einen prozesshaften und partizipativen Anspruch. Sie regt die Besuchenden zur Mitwirkung an. Auf Post-its hinterlassene Reflexion und Kritik sind gewünscht und werden im Prozess in die Ausstellung eingearbeitet.

Aufgefaltetes, grünes Faltblatt mit weißem Zeitstrahl zur Kolonialisierung
Nahaufnahme des Zeitstrahls im Bereich 1757 bis 1763
Flyer zur Ausstellung 'Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit' vom 13.07. bis 13.11.2022 im Historischen Museum Hannover. Abgebildet sind historische Segelschiffe auf Wasser.
Aufklappbare Broschüre zur Ausstellung 'Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit' mit Kontaktdaten und Adressen der Social Media-Kanäle sowie Öffnungszeiten des Historischen Museums Hannover.
Stoffbanner zur Ausstellung 'Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit' an der Außenfassade des Historischen Museums Hannover

Team & Projektdetails

AUFTRAGGEBER: Museen für Kulturgeschichte Hannover – Historisches Museum am Hohen Ufer und gwf-ausstellungen
AUSSTELLUNGSGRAFIK: Ika Gerrard (gwf-ausstellungen), Julia Schnegg, Katharina Weber
INFOGRAFIKEN: Katharina Weber
WERBEGRAFIK: Julia Schnegg
MEDIENSTATIONEN: Katharina Matthies
PROGRAMMIERUNG: Graphscape
INTROFILM: TheWalue
FLÄCHE: 600 qm
FERTIGSTELLUNG: Juli 2022
FOTOS: Ulrich Pucknat, Historisches Museum Hannover, Matthies Weber & Schnegg