Ausstellungsgestaltung
1933 zog das neu gegründete Geheime Staatspolizeiamt in das Gebäude der ehemaligen Kunstgewerbeschule in der Prinz-Albrecht-Straße 8 ein – mitten ins Machtzentrum des nationalsozialistischen Staates rund um die Wilhelmstraße. Kurz darauf wird das Hausgefängnis eingerichtet. Von Heinrich Himmler als »Polizeigewahrsam besonderer Art« bezeichnet, waren hier von 1933 bis 1945 mehrere tausend Häftlinge inhaftiert.
Heute steht hier das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors. Daher war die zentrale Ausgangsfrage für die Gestaltung dieser Ausstellung für uns: Was bedeutet es, an einem Täterort eine Ausstellung zu machen?
In der Gestapo-Zentrale wurden die NS-Verbrechen geplant und koordiniert. Sie war Teil einer Maschinerie, die versucht hat, unerwünschte Menschen zum Verschwinden zu bringen. Das Hausgefängnis ist dafür ein grausames Symbol.
Unsere gestalterische Aufgabe war es, die Häftlinge gegen das »Verschwinden lassen« sichtbar zu machen und sie in den Mittelpunkt der Ausstellung zu stellen – ihre Erfahrungen, ihre Biographien, die Hintergründe ihrer Haft.
Die Ausstellungsarchitektur macht das deutlich: Als zentrales Exponat steht in der Mitte der Ausstellungsfläche ein gebauter Raum mit einer großen Medieninstallation. Darin erzählen Häftlinge über ihren Alltag und ihre Erfahrungen in Haft. Thematisch sortiert können sich die Besucher:innen Interviewpassagen mit Häftlingen anhören. Synchron werden die Örtlichkeiten im Hausgefängnis, von denen die Häftlinge berichten, auf einem Grundriss markiert. Der verdunkelte Raum schafft die nötige Konzentration und Ruhe, um den erschreckenden Berichten der Häftlinge emotional zu folgen.
Der weitere Rundgang ist um dieses Exponat herum angeordnet. Zum einen werden die Täter beleuchtet: Wer traf die Entscheidungen zur Haft, wer hat verhört, wer waren die Wärter? Was passierte mit ihnen in der Nachkriegszeit?
Gleichzeitig wird das Schicksal der Häftlinge und ihr Alltag im Hausgefängnis beschrieben: ihre Ankunft im Geheimen Staatspolizeiamt, ihre Registrierung und Erstaufnahme, ihre Einlieferung in das Hausgefängnis und ihre Vernehmung.
Häufig wurde bei den Verhören gefoltert. Einige Häftlinge begingen während der Haft Suizid.
Bei der Vermittlung der Inhalte ermöglichen wir unterschiedliche Zugänge für die Besucher:innen. Einen analytischen Zugang schaffen neben den herkömmlichen Medien wie Texten, Dokumenten und Fotos vor allem zwei große Medieninstallationen.
Ein medial bespieltes Plexiglasmodell und eine große Projektion mit einer digitalen Rekonstruktion des Gebäudes vermitteln die Geschichte und Funktion des Hausgefängnisses. Das Modell steht auf zwei Monitoren, die synchron zur Erzählung einzelne Bauten unterleuchten und so das Gelände in die Stadttopologie einordnen. Die Rekonstruktion schlüsselt die Bauphasen und Veränderungen des Hausgefängnisses von 1933 bis 1941 auf.
Ausführlicher vorgestellt werden die Biografien von achtzehn Gefangenen.
Die Auswahl belegt das breite Spektrum des politischen Widerstands in Deutschland und Europa, macht aber auch weitere von der Gestapo als »Volks-« und »Staatsfeinde« verfolgte Gruppen und Personen sichtbar.
An einer Grafik-Wand mit erkennungsdienstlichen Fotos wird verdeutlicht, wie viele Menschen im Hausgefängnis saßen und von der Verfolgung durch den NS betroffen waren, aber auch was ihre politischen Orientierungen waren. Eine Datenbank stellt alle bekannten Insassen des Hausgefängnisses vor. Auch der Werdegang des Geländes, das nach dem Krieg in Vergessenheit geraten war und Schicksale der ehemaligen Häftlinge nach dem Krieg werden beleuchtet.
Hochwertige Ausstellungsmöbel aus naturbelassenen MDF-Platten in schwarz, grau und beige bringen dabei die Inhalte mit Entschiedenheit in den Raum und schaffen zugleich eine würdevolle Atmosphäre, um sich mit den bedrückenden Inhalten zu beschäftigen.
Eine umfassende Datenbank zu den Häftlingen des »Hausgefängnisses« steht als Medienstation mit Touchscreen zur Verfügung.
Die Organisationsstrukturen von Reichssicherheitshauptamt und des Geheimen Staatspolizeiamts können interaktiv auf einem großen Touchscreen angesehen werden.
Um die Besonderheit zu nutzen, dass die Ausstellung selbst auf dem Gelände des »Geheimen Staatspolizeiamtes« liegt, wird die Präsentation durch Markierungen des Grundrisses im Gelände und im Haus ergänzt. So wird Klarheit geschaffen, wo das Hausgefängnis tatsächlich lag.
Als Gestalterinnen ist es uns wichtig u. a. mit Ausstellungen soziale und politische Fragen aufzuwerfen. Daher ist für uns die Markierung auch ein Kenntlichmachen des Hausgefängnisses im Stadtraum. Sie transportiert die Erinnerung in den öffentlichen Raum und damit in unsere heutige Gegenwart und fordert zur Diskussion auf.
AUFTRAGGEBER: Stiftung Topographie des Terrors
GESTALTUNGSKONZEPT: Matthies Weber & Schnegg mit Pablo Dornhege
ARCHITEKTUR: Irmhild Gumm
AUSSTELLUNGSGRAFIK: Julia Schnegg, Katharina Weber, Leah Conde, Klara Lange
WERBEGRAFIK: Julia Schnegg
MEDIENSTATIONEN: Julia Schnegg, Katharina Matthies
DIGITALE MODELLE: Architectura Virtualis
PROGRAMMIERUNG HÄFTLINGSDATENBANK: Graphscape
FLÄCHE: 200 qm
FERTIGSTELLUNG: April 2023
FOTOS: Stefan Müller Fotografie (Innen), Katharina Weber (Außen)
Matthies Weber & Schnegg
c/o GH28
Große Hamburger Str. 28
10115 Berlin
Tel: 030 55 95 71 60
E-Mail: zentrale@matthies-weber-schnegg.com